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Abschnitt 64


2 ,,Sag' mal, stimmt es, was Simone sagte, daß du mit einer anderen Frau ... '' setzte sie erneut eine Frage in Gedanken zusammen, aber verwarf auch diese sofort wieder, wie alle anderen Versionen vorher. Mit einer anderen Frau konnte sie nicht fragen, das klang sofort so, so, irgendwie zu scharf. Vielleicht nur `mit einer Frau', aber das klang auch so bescheuert, dachte sie. Wenn ihr nichts Besseres, nichts Geschickteres einfiel, dann wäre es wohl das Beste, wenn sie das Thema erst gar nicht ansprechen würde. Keinesfalls wollte sie eine unnötige Diskussion oder gar eine Meinungsverschiedenheit damit heraufbeschwören, denn vielleicht war ja alles nur ein Mißverständnis. Vielleicht hatte Simone wieder alles falsch verstanden, oder blödsinnige Schlußfolgerungen gezogen. Ja, so mußte es sein! Bestimmt war es so, sonst hätte sie doch auch etwas spüren müssen an Francois Verhalten. So wie er sie zur Begrüßung umarmt hatte, er hatte sie fast nicht mehr loslassen wollen, und seine Freudentränen in den Augen. Das war echt, das war nicht gespielt. Wenn sie jetzt mit so einer dummen Frage käme, würde sie nur die ganze Stimmung kaputtmachen. Vielleicht würde Francois auch glauben, daß sie mangelndes Vertrauen in ihn habe.

Die Vögel zwitscherten im noch morgendlich kühlen Wald. Dumpf und fern hörte man auch den Lärm der Autobahn, die den Wald durchschneidet. Der Boden, noch feucht vom leichten Regen der letzten Nacht, federte leicht unter ihren Schritten. Sie wandern ohne erklärtes Ziel, aber die Bank am Rande der Lichtung präsentiert sich schon als mögliches, als attraktives Ziel in Veras und vielleicht auch Francois Vorstellungen.

Kurz vor ihrem Urlaub hatte er sie ja auch so geschockt mit seiner plötzlichen Eifersucht. Dabei hatte der Abend so toll begonnen. Was sie kenne nicht Lulu, hatte sich Francois verwundert, dann solle sie sich mal überraschen lassen. Er hatte wirklich nicht untertrieben gehabt, denn ihre Überraschung war grenzenlos gewesen.

--,,Ich hätte nie gedacht, daß es so etwas tolles in unserer kleinen Stadt gibt!'', hatte sie zu Francois gesagt, nachdem sie Platz genommen hatten.

Die große schwere Holztüre war hinter Francois und Vera zugeschlagen, lautlos, und es umgab sie tiefe Dunkelheit. Vor ihnen, in einem Halbkreis, ein schwarzer und dicker Türvorhang. Helfer für die Tür. Schleuse zwischen Straße und Raum. Kein Licht, kein Lärm und kein Wind soll sie durchdringen. Keine lärmenden Autos und Busse mehr, plötzlich war der Straßenlärm abgelöst von völlig unerwarteter Musik. Kein Pop-, Rock-, Schlager- oder auch Jazzmusik, wie sie es erwartet hätte, tönte in dem Raum. Zarte Klavierklänge und dazu langgedehnte, getragene Trompetenklänge, die am Ende des fröhlichen, fast tänzerischen Allegrettos schon auf das besinnlichere Lento einstimmt. Sie schritten durch den Vorhang und ihre geweiteten Pupillen wurden überflutet von warmen, goldgelben Licht, aber die Luft roch rußig und schal. Die Quellen des Lichtes waren unzählige Kerzen. Unendliche Reihen, strebten nach allen Seiten. Sternförmig. Scheinbar grenzenloser Raum. Ihre Schritte gedämpft auf dem schwarzen Teppich, schwarz auch die Decke, und die Wände Spiegelglas. Kerzenleuchter an den Wänden, die sich unendlich spiegeln. Bäume des Lebens. Hatte Lulu sie so genannt, oder hatte sie nur gesagt, daß der Künstler sie so genannt hatte. Messing, dunkel, ein dicker Stamm teilt sich, zwei nach außen und einer nach innen, leicht asymmetrisch und knorrig. Drei Zweige am mittleren, und die beiden äußeren jeweils zwei. An jedem der sieben nach oben strebenden Zweige eine flackernde Kerze. Auch auf den Tischen Kerzenständer, dreiarmig, die die zahlreichen Gäste in ihr Feuerlicht tauchen. Streichorchester, sanft und leise, mystisch.

--,,Olala, mon amie Francois.'' und ,,Comment ca va?'', soviel hatte Vera verstanden, dann hörte sie nur noch eine Menge für sie unverständliches Französisch, ab und zu verstand sie ein paar Brocken ,,Merci bien'' oder auch ,,je regrette''.

--,,Tut mir leid'', hatte sich Francois bei Vera entschuldigt, denn ihm war plötzlich bewußt geworden, daß Vera von ihrer Unterhaltung ausgeschlossen war. ,,Macht der Gewohnheit! Wir sprechen immer Französisch und ich hatte ganz vergessen, daß du ... ''

--,,Ist schon okay!'', hatte Vera zu den Klängen des Klaviers, das nun energisch die Initiative die Führung übernommen hatte.

--,,Aber nein doch!'', hatte dann auch Lulu mit betont sorgenvollem Blick das Problem aufgegriffen. ,,Tut mir wirklich leid, wie konnte ich nur so unachtsam sein, und deine kleine Freundin mit meinem Französischreden gewissermaßen ausgeschlossen habe. Aber ich konnte ja nicht wissen ...'',

Vera haßte es als `kleine Freundin' bezeichnet zu werden, denn sie war klein, kleiner als der Durchschnitt, und mit einer solchen Aussage konnte man leicht ungeliebte Kindheitserinnerungen wachrufen, als man sie allzu häufig wegen ihrer Körpergröße gehänselt hatte. Sie mochte es auch nicht, wenn man über sie hinweg redete, so wie man über kleine Kinder redete, hatte sie gedacht, während sie mit dem Kopf im Nacken zu Lulu aufschaute. Dann hatte sich Lulu aber doch direkt an sie gewandt:

--,,Tut mir wirklich Leid, meine Dame! Ich hoffe, daß sie mir nochmals verzeihen können!''

Naja, vielleicht kommt das irgendwie durch das Französische und ist ja gar nicht so gemeint. Aber Lulu hatte gar keinen Akzent, sprach fließend deutsch, womöglich war sie also gar keine Französin. Wie war sie überhaupt auf diese Idee gekommen? Nur weil sie mit Francois so flüssig französisch gesprochen hatte? Sie könnte doch einen schrecklichen Akzent haben, könnte tausende von Fehlern machen und sie würde doch eh nichts merken. Gut, daß Lulu kein Mann war, hatte sie immer noch bei der Begrüßung gedacht. Einem Mann hätte sie diese Verniedlichungen schlechter verziehen.

--,,Jetzt, jetzt kommt sie gleich!'', schmachtet Lulu plötzlich, die Hände wie zum priesterlichen Gebet vor sich ausgestreckt.

Vera und Francois hatten suchend zur Eingangstür geschaut, dann hatte Vera aber gesehen, daß Lulus Augen nach innen gekehrt waren und statt eines weiblichen Wesens war die gedämpfte Solotrompete wieder mit dem Anfangsthema erschienen.

--,,Ja, JA! Einfach göttlich, göttlich!'', schmachtete Lulu mit geschlossenen Augen, in der Luft kreisenden Händen und wippendem Kopf. Plötzlich wieder aus ihrer Trance erwacht hatte sie sich wieder an Francois und Vera gewandt:

--,,Gestern hättet ihr müssen hier sein! Gestern hatten wir ein wunderbares Konzert. Walter spielte Violine. Himmlisch, sag' ich euch, und meine Wenigkeit hat ihn am Flügel begleitet.''

Lulu war eine der interessantesten und schillernsten Persönlichkeiten, die sie kannte. Zunächst war es nur das Äußere, was sie faszinierte und auch gleichermaßen irritierte. Schon am gleichen Abend war Vera bewußt geworden, daß ihr Äußeres ein Spiegelbild ihres Innern war. Eine erotische Ausstrahlung hat sie, verführerisch, genießerisch.

--,,Das täuscht, Lulu ist treu!'', hatte ihr Francois versichert, hatte ihr jedoch nichts über ihren Partner gesagt, und sie hatte es versäumt hierzu eine Frage zu stellen. Stattdessen wollte sie lieber wissen:

--,,Hattest du sie mal auf die ...ähm Probe gestellt?''

--,,Aber nein doch, die ist doch gar nicht mein Typ!'', hatte Francois lachend gesagt, so als wäre ihre Frage vollkommend abwägig und absurd gewesen.

--,,Sie ist doch eine tolle Frau, diese tollen, wild gelockten, blonden Haare. Also ich könnte mir vorstellen, wenn ich ein Mann wäre, dann ...''

--,,Ja, aber nur, wenn du ansonsten weiter du selbst bliebest, ich meine die Gedanken und Gefühle einer Frau behieltest''

Vera hatte nicht aufgegeben, Lulu zu preisen. Sie habe doch eine tolle Figur, hatte sie ihm gesagt. Ja, aber auch keinen Busen, hatte Francois gesagt. Sie selbst hat doch auch keine großen Brüste, erschrak sie. Stand Francois doch auf große Brüste? Als ob er ihre Gedanken hätte lesen können, fügte er beruhigend hinzu, daß sie doch mal genau hinschauen sollte, Lulu habe doch wirklich nichts, flach wie ein Brett sei sie.

--,,Aber ihre schönen langen Beine?'', Vera hatte nicht aufgegeben.

--,,Sie ist mir zu dürr, zu drahtig und überhaupt wirkt sie zu männlich! Selbst wenn sonst alles stimmte, sie wäre mir einfach zu groß.''

Lulus knielanges schwarzes Kleid, ließ sie noch schlanker und auch noch größer erscheinen. Francois hatte recht, ihre Gesichtszüge waren kanntig und männlich und ihre Stimme war zu tief.

Nein, das interessiere sie überhaupt nicht, hatte Lulu gesagt, noch bei der Begrüßung. Zahlen, Zahlen, immer nur Zahlen, alles müsse gezählt sein in unserer Welt, sie wolle überhaupt nicht wissen, wieviele Kerzen es in ihrem Raum gebe, hatte Lulu ihr voller Emphase auf ihre einfache Frage, wieviele Kerzen eigentlich im Raum brennen würden, geantwortet.

--,,Wie viele? Wie groß, Wie schnell? Wer ist der größte? Wer hat den größten? Haha! Messen, Vergleichen, Einordnen! Können wir denn nicht einfach auch einmal etwas wundernd zur Kenntnis nehmen. Nicht immer nur im Kopf mit einem aufgeschlagenen Guinness Buch umherlaufen, immer bereit neue Rekorde aufzunehmen?''

So sehr hatte es sie ja auch nicht interessiert gehabt. Smalltalk, ja das war es, und Lulu hatte ihre Frage ernstgenommen, hatte sie wohl auch überbewerten wollen. Willkommener Anlaß für ihre Lieblingskritik.

Dabei war es auch sachlicher Blödsinn gewesen, dachte Vera, während sie im dämmrigen Wald hinter Franois schritt. Sie mußte ganz genau wissen wieviele Kerzen sie hatte. Sie hatte doch sicherlich auch die Leuchter gekauft. Sie mußte doch auch für den Ersatz der abgebrannten sorgen.

--,,Eine gute Beleuchtung ist wirklich Luxus, im wahrsten Sinne des Wortes. Luxus, schon die Römer kannten das Wort und sie dachten an Lux, das Licht. Licht zu haben, in aller Pracht, war für sie Luxus!''

--,,Und selbst, wenn ich eine halbe Stunde brauchte, die Kerzen zu entfachen, ich würde es immer genießen. Es hat was Meditatives an sich, und auch was sakrales.'', hatte Lulu gesagt, nachdem Vera gemeint hatte, daß es bestimmt recht lange dauern würde, alle anzuzünden. Der Lärm der Straße war abgeblockt,

--,,Lebendes Licht, das ist es, was sie uns schenken: die Kerzen, und das Licht vom E-Werk ist tot!'', hatte Lulu auch gesagt, und dabei hatte sie Vera fest in die Augen geschaut, bis diese unter sich schaute.

Das Licht heute morgen im Wald würde ihr bestimmt auch gefallen, dachte Vera, vorsichtig ihre Schritte zwischen den Baumwurzeln suchend. Sie gingen nun hintereinander, denn der Pfad war schmaler geworden. Kühl war es noch im Wald, und sie war sich nicht sicher, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn sie Strümpfe angezogen hätte.

Francois vorweg, die Schritte nun nicht mehr gedämpft von einem Laubteppich, denn sie wanderten nun über Geröll. Dann und wann rollte ein Stein los, mal ein paar Zentimeter, mal den kleinen Hang hinunter. Ein Steinweg, -- Steinway, dachte Vera, wie Lulus Flügel auf den sie so stolz ist.

--,,Wie Arthur Rubinstein sagte, ein Steinway ist ein Steinway, und sonst gibts nichts Vergleichbares in der Welt!'', hatte Lulu voller Stolz gesagt.

Ihr Flügel, in dessen schwarzem Glanzlack sich das Licht der Kerzen spiegelte, sei in New York gebaut worden, nicht in Hamburg. Ein reicher Amerikaner, der seinen Lebensabend in der Schweiz verbringen wollte, hatte ihn mitgenommen. Immense Transportkosten. Mehr als eine Drittel Tonne Gewicht und vor allem die Größe, über zwei Meter lang und anderthalb Meter breit, das würde halt viel kosten. Was denn so ein Instrument überhaupt koste, hatte Vera sie gefragt. Aber sie hatte nur gelächelt und gesagt, daß die Musik zähle und nicht das Geld. Fast Fünfzigtausend Mark habe sie für diesen Flügel bezahlt, gebraucht, wäre er noch teurer gewesen, sagte ihr Francois später, als Lulu nicht mehr bei ihnen am Tisch war.

--,,Ein komischer Kautz sag' ich euch! Stellt euch nur vor, unglaublich aber wahr, der konnte selbst kein Klavier spielen, höchstens so ein wenig rummklimpern, ein paar ganz einfache Anfängerstücke, und die weder schön noch fehlerfrei.''

Aber wozu er denn dann so ein teueres Stück gebraucht habe, hatte Vera sie verwundert gefragt.

--,,Klaustrophobie, Schrulligkeit und vor allem reich genug war er. Er war verrückt nach Klaviermusik, aber so sehr er Klaviermusik auch liebte, er vertrug nicht die Enge in den Konzertsälen. Na dämmert es euch? Richtig, eigener Konzertsaal in seiner Villa, fast schon ein Schloss. Und wie ein Fürst hielt er dort für sich und ausgewählte Freunde Kammerkonzerte ab. Und wenn man in einer Stadt wie New York wohnt, da wimmelt es nur so von jungen Talenten, und mit einem echten Steinway, und dazu noch eine Modell B, da kann man sie locken. Ohne Gage spielen die einem vor. Bei ihm gaben sich die Talente die Klinke in die Hand. Einige von ihnen erhielten großzügige Unterstützung von ihm, vor allem, wenn sie sich auch sonst erkenntlich zeigten, und da war es ihm egal ob Frau oder Mann!''

Lulus verächtliches Grinsen machte klar, worin die Gefälligkeiten der Musiker bestehen mußten, um sich den Mäzen zu sichern. Vera hatte einen dicken alten Mann vor sich gesehen, am Schreibtisch sitzend. In seiner linken hält er sein Scheckbuch und in der Rechten seinen Penis, und er starrt gebannt auf den jungen Mann am Flügel, nackt, ängstlich und entehrt.

Bald wären sie wieder auf dem breiten Waldweg, dann noch etwa fünfhundert Meter zu der Lichtung. Mohler hatte doch auch eine Hauspianistin zugelegt. Dominique -- die würde sich doch auch verkaufen. Das war doch schon schlimm gewesen, wie offensichtlich die mit ihrem Felix geflirtet hatte. Aber bei Felix hatte die keine Chance. Oder doch. Hatte nicht auch Mohler sich eine Pianistin gekauft. Aber was für eine Frau sollte das bei Francois gewesen sein. Vielleicht könnte sie ihn ja fragen, was es mit Simones Geschwätz auf sich hat, wenn sie auf der Bank wären? Wäre auf jeden Fall besser als jetzt. Sie könnte es ja geschickt formulieren, so als glaube sie es selbst nicht. Stell dir vor, was Simone behauptet hat, die spinnt doch, oder so ähnlich. Plötzlich blieb Francois stehen, leise und vorsichtig zurück zu ihr, Zeigefinger gekreutzt über seinen Lippen und legte seinen Arm um ihre Schultern.

--,,Dort! Schau, ein Eichhörnchen!''

Bewegungslos hing es an der knorrigen Rinde einer alten Eiche und starrte mit weit geöffneten Augen auf die beiden morgendlichen Eindringlinge. Francois umarmte sie, küßte sie, leidenschaftlich und auch liebevoll. Lippen zusammen, und die Zungen liebkosten einander, und sie fühlte, Simone hatte gesponnen.

Bloß nicht wieder so eine blöde Diskussion wie an der Theke in Lulus Kneipe entfachen. Beim Eintritt war sie von der ungewöhnlichen und fremdartigen Atmosphäre in Lulus Kneipe wie betäubt gewesen, hatte gar nicht mitbekommen, wie und warum sie auf diesem ungünstigen Platz gelandet waren, denn sie hätte viel lieber an einem dieser schicken Tische mit Kerzenleuchter gesessen. Wahrscheinlich war wohl kein anderer Tisch frei gewesen.Der Typen links von ihr, waren die eigentlich typisch für Lulus Lokalität? Das Pickelgesicht mit den großen Ohrringen und dem fünf Millimeter Haarschnitt, außer am Hinterkopf, wo ihn ein Pferdeschwanz zierte, leichenblaß, wie gepudert, und sein Begleiter, sonnengebräunt, vom Alter könnte er problemlos der Vater ihres Thekennachbarn sein, schulterlanges, braunes mit grauen Strähnen durchsetztes Haar, Hawaiihemd.

Ein Artist jonglierte hinter der Theke. Seine Bälle: Flaschen, Gläser, Eiswürfel und Servierbretter. Dann und wann auch einen Expresso oder Tee an der großen Maschine. Raus mit dem alten Pulver, klopfen gegen den Mülleimer, rein mit neuen, und dann duftender und schäumender Kaffee. Seine Haare waren kurz, wie die des pickligen Bleichgesichtes links von ihr, kaum ein paar Millimeter lang, kürzer als seine Bartstoppeln, schwarze Stoppeln. Aber beim ihm, anders als bei dem Milchgesicht, erzielte sein Äußeres den gewünschten Effekt: verwegen, und leicht verrucht. Vera hatte fasziniert zugescahut wie kunstvoll er hantierte. Nie könnte sie seine Arbeit so sicher und schnell verrichten, hatte sie immer wieder geschätzt, Oder vielleicht doch, wenn sie es nur lange genug machen würde. Wie Vogelfedern manövrierte er Flaschen und Gläser durch die Luft, scheinbar schwerelos. Zwei Flaschen gleichzeitig zum Mixen und die dritte schon im Visier. Ein Balett der Bier-, Schnaps-, Cognac und Cocktailgläser, Zitronenscheiben und Strohhälme, leicht und sanft inszeniert von dem Mann in schwarzer engsitzender Lederhose, grob gesponnenen weißen Netzhemd und Goldgeschmeide um Arme und Hals, sowie Ring im Ohr. Dabei könnte er sie mit der kleinsten falschen Bewegung zerdrücken, zerbrechen, hatte Vera gedacht, als sie seine ausgeprägten Muskeln an den sonnengebräunten nackten Oberarmen betrachtete. Drall hatte sich seine glänzende Lederhose über seinen Pobacken gespannt, ein ausgeprägter, wohlgeformter Männerpo. Nicht so wie bei vielen anderen, wo die Hose über dem Nichts schlottert, oder wie bei Felix, dessen Po überdimensioniert in weiblicher Fülle seine Hosen ausbeult. Muskeln an Männern seien ihr nicht so wichtig, hatte sie immer wieder gedacht, aber Freddie, wie Lulu den Barmann genannt hatte, belehrte sie eines Besseren. Und sie war erschrocken gewesen, denn was sie gespürt hatte, war Interesse, beinahe Begehren, sie wollte seine Arme berühren, seine Muskeln kneten und, was sie besonders schockte, seine Pobacken würde sie gerne in ihren Händen halten, sie spüren, durch das Leder, aber auch nackt. Einfach mal so, nur so zum Spaß. Oh je, was war los mit ihr, hatte sie gedacht? Ein fremder Mann, ein Barkeeper hatte sie erregt. Nicht nur, daß sie Felix mit Francois betrog, in Gedanken betrog sie plötzlich Francois auch mit dem Barmann. War Freddy Lulus Freund? Oder war er viel zu jung, um Lulus Freund zu sein.

--,,Alex, ich sag' dir: Einige Menschen werden mittelmäßig geboren,'', hatte Sven, das Pickelgesicht, die kurz vorher unterbrochene Unterhaltung mit seinem sonnengebräunten Begleiter wieder aufgenommen. Ein Monolog war es zuvor gewesen, ein Wasserfall der Worte und Alex hatte, wie auch bei diesem Neuanfang wieder, interessiert zugehört. Alex Kopf war stark nach rechts zur Theke zu geneigt und in seinen Händen hielt er ein Bündel von seinem schulterlangen Haar, als wäre es naß, mü0te ausgewrungen werden, sein dünnes kastanienbraunes Haar mit grauen Strähnen durchsetzt. Erstaunlich laut war Svens Stimme gewesen, durchdringend für ein so schmächtiges Kerlchen, dachte Vera.

--,,Einige Menschen werden mittelmäßig geboren, sag' ich dir, einige erwerben Mittelmäßigkeit, und anderen wird sie förmlich aufgedrängt -- und für meinen Chef gelten alle drei!''

--,,Heller!''

--,,Noch 'nen Teller?'', fragte Fred, der die letzte Bemerkung allem Anschein nach wohl falsch verstanden hatte, verwundert den Alex genannten Althippie, während er ihm die vorher bestellte Expressotasse reichte.

--,,Nein, nein, ist schon okay!''

--,,Wieso? Ich finds doch hier eh schon zu hell!'', hatte Sven verdutzt festgestellt.

Statt im romantischen Kerzenlicht saßen sie unter dem elektrischen Licht des Thekenbereichs. Zu hell, zu grell, da hatte Sven Recht. Die Behörden hatten darauf bestanden, aus Gründen der Sicherheit, aber sinnvoll war es natürlich auch, wie sollte Freddie denn sonst im Halbdunkeln klar kommen. Feuerlöscher, unter der Theke, an den Wänden hinter den schwarzen Samtvorhängen. Vera konnte den Rest des Raumes nicht richtig einsehen, konnte sich nicht, wie sie es gerne getan hätte, die anderen Gäste in Augenschein nehmen.

--,,Heller, Joseph Heller!''

--,,Freddie heißt er!'', hatte ihn Sven aufmerksam gemacht, während er mit seinem Kopf in Richtung Theke zeigte.

--,,Joseph Heller, das ist der Autor, den du eben zitiert hast!''

--,,Ich möchte doch was Besonderes sein, für dich meine ich.'', hatte plötzlich Francois gesagt, in dem wohl der Aphorismus der Mittelmäßigkeit nachgewirkt hatte.

--,,Aber das bist du doch! Mein Müsliman bist du! Die einen haben einen Supermann und ich habe einen Müsliman, wenn das nicht Besonderes ist!''

Dieses Bild würde ihr immer bleiben, und wenn sie ewig lebte: er zwischen den Regalen, in der Hocke inmitten des Müslis aus den geplatzten Tüten, verlegen lächelnd und seine Augen. Trottel, nichts als Trottel, und keine Helden mit denen man sich gerne identifizieren möchte, das sei die Welt von Heller, hatte sie Alex sagen gehört, aber dann hatte sie ihnen nicht mehr richtig zugehört.

--,,Non, bleib doch mal bitte ernst! Du hast deine Familie, du hast deine Kinder und '', er hatte herumgedruckst, als zögere er, ob es gut sei Felix zu erwähnen ,,und ich, und ich bin nur ein Spielzeug. Zum Plaisir!''

--,,Ja soll's mir denn keinen Spaß machen mit dir! Würde dir das denn besser gefallen?''

--,,Doch schon, aber darum geht es ja nicht. Dein Mann, das ist dein Superman!''

--,,Aber Francois, du bist ja eifersüchtig!''

--,,Wenn du mich richtig liebst, dann kann es nicht sein, daß du deinen Mann auch liebst!'', hatte Francois neben ihr auf dem Barhocker gesagt.

Höchstwahrscheinlich ging es ihm doch gar nicht um Felix, bestimmt hatte Francois mitbekommen, wie sie Freddie beobachtet hatte, dachte sie im Wald hinter Francois hertrottend. Er war ihren Freddies Körper abtastenden Augen gefolgt. Das würde erklären, warum er sich so plötlich, wie aus heiterem Himmel, als eifersüchtiger Ehemann gebärdet hatte. Ja, sie hatte sich zuerst geschmeichelt gefühlt, aber gleichzeitig war sie auch irritiert. Das gleiche Gespräch ein paar Minuten vorher, vor der Muskelschau, vor ihren Phantasien und alles wäre anders gelaufen. Es kam ihr vor als hätte er ihre Gedanken gelesen. Anspruchsdenken sei es, hatte sie ihm vorgeworfen, während sie sich immer noch über ihre Gefühle wunderte, die Freddie ausgelöst hatte. Sie sei doch nicht sein Besitz. Bis zu diesem Zeitpunkt war doch alles so zwanglos, zufällig verlaufen, keinerlei Versprechungen. Regie führte ihre Liebe.

--,,Doch, vielleicht anders, aber ich liebe auch ihn!''

Neben der Stereoanlage, dort, wo auch ein elektrisches Licht brannte, lag eine CD-Hülle: Schostakowitsch, Klavierkonzert Nr. 1 und Kammersinfonie c-Moll. Alex und Sven schwiegen. Hatten sie ihnen zugehört? Nur noch Streicher. Streichorchester fand sie immer melancholisch, aber dieses Stück war besonders düster gewesen. Der Raum so düster und dunkel und sie glaubte keine Luft mehr zu bekommen, verbrannt und verbraucht von den Kerzen.

--,,Dann liebst du mich nicht richtig! Ich bin nur ein netter Zeitvertreib!''

Er wisse doch, daß das nicht war wäre, schluchzte sie heulend, und hatte versucht nicht in Freddies Richtung zu schauen. Sie weinte, weil sie sich plötzlich miserabel fühlte, weil sie ihn nicht mehr zu verstehen glaubte, weil sie Gewissensbisse hatte. Wie sollte Felix Verständnis für ihr Tun haben, wenn sie sich selbst nicht mehr verstand. Felix könnte ihr Verhältnis nicht billigen, und Francois wollte ihr Zusammenleben mit Felix nicht mehr hinnehmen. Warum mußte es immer auf das Er-oder-ich hinauslaufen. Mit Francois wäre es anders, hatte sie gehofft.

Vor der Abfahrt war alles wieder okay gewesen, gottseidank, ansonsten hätte sie den Urlaub überhaupt nicht genießen können.

Nein, sie mußte vorsichtig rangehen, keinesfalls die eifersüchtige Furie spielen. Nur Geduld mußte sie haben, und auf den richtigen Moment warten. Vielleicht hatte Simone ihn auch verwechselt, sie hatte ihn doch nur einmal gesehen. Ja, so wird es wohl gewesen sein. Warum hatte daran nicht schon eher gedacht?

Nebeneinander trotteten sie nun auf dem etwas breiteren Pfad, auf dem Weg zur alten Holzbank am Rande der Lichtung. Die Vögel zwitscherten und das gedämpfte Licht beruhigte sie. Die Luft roch frisch und war angenehm kühl.

--,,Das Hotel war herrlich, ein altes Haus, aber ganz neu hergerichtet. Viel Holz, so wie ich es liebe. Auch in den Zimmern waren die Decken vertäfelt. Vom Speisesaal hatte man einen ganz tollen Blick über das Tal und auf die gegenüberliegenden Berge.''

--,,Und was war nicht so toll?'', fragte Francois.

--,,Zuerst nicht. Ich meine, zuerst war alles gut, aber dann, ich weiß nicht, irgenwie sind die dann so mürrisch geworden und auch Felix war so gereizt ... Irgendwie hing es auch mit dem Wetter zusammen. Die ersten paar Tage hatten wie phantastisches Wetter und dann ... naja es hätte können schlimmer sein, aber es war einfach nicht mehr so richtig ... ''

--,,Und die Sehnsucht nach mir kam wohl auch noch dazu?'', sagte Francois scherzhaft und drückte sie mit seinem rechten Arm etwas fester an sich.

Vera rekelte ihre Beine in der Sonne, suchte ihre Wärme auf der alten Holzbank in der Lichtung. Jetzt schien es doch wieder angenehm zu werden, und sie bereute es nicht mehr, keine Stümpfe angezogen zu haben. Im Wald war es kühl gewesen und auf dem kleinen Trampelpfad zu ihrer Bank streiften die tiefliegenden Grashalme ihre Unterschenkel und ihre Schuhe wurden feucht. An Ihrer linken Wade spürte sie, die Näße von Francois Hosensaum, und sie sah die dunklen Streifen an den Enden seiner hellbraunen Kordhose. Francois war bei bester Laune, sie spürte, wie er es genoß neben ihr zu sitzen, während seine Finger in ihren Haaren spielten.

--,,Ja, ich hatte auch Sehnsucht nach dir gehabt!'', sagte sie.

Sie würde ihn nicht fragen, was es mit dieser Frau auf sich hätte, jedenfalls nicht an diesem Tag, vielleicht später. Aber sie könnte ihn ja mal fragen, was er so getan hätte während dieser Tage.

--,,Viel schwimmen, am Baggersee, vor allen Dingen!''

Ein Stich ging durch ihren Magen. Also hatte ihn Simone doch gesehen, dann war es ja wohl auch richtig, daß er mit einer Frau dagewesen war.

--,,Warst du alleine da gewesen?'', fragte sie.

--,,Ja, allerdings habe ich einmal Lulu dort getroffen!''

Lulu, auf die wäre sie nie gekommen. Sie war ja so überschwenglich freundlich zu ihm gewesen, als sie Abends da gewesen sind. Vielleicht waren sie ja doch mehr als nur Freunde.



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